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VdA - Verband deutscher
Archivarinnen und Archivare e.V.

Dr. Siegfried Seifert †

Dr. Siegfried Seifert (†) bei einem Vortrag im Archivverbund Bautzen anlässlich des TAGs DER ARCHIVE 2012. Foto: Archivverbund Bautzen (Aufnahme: Schumann)

Geb. 26.2.1936 Dresden
Gest. 28.7.2013 Bautzen

Nachruf von Dr. Birgit Mitzscherlich

Der langjährige Archivar des Bistums Dresden-Meißen Siegfried Seifert war am 26. Februar 1936 als Sohn einer gestandenen Kaufmannsfamilie in Dresden geboren worden. Diese im besten Sinne bürgerliche Herkunft, aber auch die Liebe zu seiner Heimatstadt blieben prägende Elemente seines Lebensverlaufes. Das Glück der Familie wurde durch die Zerstörung Dresdens 1945 getrübt, wonach sie Zuflucht bei Verwandten in Satzung im Erzgebirge fand. Dort verbrachte Seifert seine letzten Schuljahre, zuerst in der Satzunger Grundschule, von 1950 bis 1954 in der altsprachlichen Abteilung der Oberschule in Marienberg/E. Zum Wintersemester 1954 begann er das Studium der Evangelischen Theologie in Leipzig, wo er zugleich einige Vorlesungen zur „Profanhistorie“ an der Philosophischen Fakultät sowie zur Kunstgeschichte belegte.

Nach dem mit dem Staatsexamen abgeschlossenen Studium ging Seifert zunächst in die Vikariatsausbildung, hatte aber zugleich seine Promotion über die katholische Kirche in Sachsen von der Reformation bis zum Verbot des Jesuitenordens begonnen. 1962 konnte er die Arbeit, die von Professor Dr. Franz Lau betreut worden war, verteidigen und den akademischen Grad des Dr. theol. erwerben; die Arbeit ist 1964 unter dem Titel „Niedergang und Wiederaufstieg der katholischen Kirche in Sachsen 1517–1773“ im Leipziger St. Benno-Verlag im Druck erschienen. Die Forschungen zu diesem Thema und dabei entstandenen Kontakte zu Katholiken, insbesondere mit den Jesuiten, führten – bei aller Konsequenz für seinen persönlichen Berufsweg – dazu, daß Seifert 1963 bei den Jesuiten in Biesdorf bei Berlin zum Katholizismus konvertierte.

Das Berufsziel des evangelischen Pfarramts war damit natürlich abgebrochen. Auch ein Verbleib in der kirchengeschichtlichen Forschung der Universität, für die er einen Forschungsauftrag der Sächsischen Akademie hatte, war angesichts des Unverständnisses seines Doktorvaters über seinen Konfessionswechsel nicht mehr möglich. Ab 1963 wurde Seifert beim Bistum (ab 1980: Dresden ) Meißen zunächst für „kirchenhistorische Aufgaben“ in Vorbereitung des 1968 zu begehenden 1000jährigen Bistumsjubiläums angestellt. Das damals dem Generalvikar unterstellte und von diesem offiziell geleitete Archiv des Bistums sollte ab 1964 intern durch Seifert betreut werden. Aufgrund verschiedener Änderungen in der Struktur der Bischöflichen Verwaltung wurde der Bereich erweitert, so dass Seifert ab 1971 die Leitung der Archiv- und Bibliotheksverwaltung des Domstifts und des Bischöflichen Ordinariats innehatte, wozu sich ab 1982 zunächst das Amt des Kunstbeauftragten und ab 1985/86 die Leitung der Domschatzkammer gesellten. 1971 war er als zweiter Laie zum Ordinariatsrat ernannt worden und gehörte damit zum unmittelbaren Beraterkreis des Bischofs. Besondere Förderung erfuhr er durch Bischof Gerhard Schaffran, der dem gediegenen und intelligenten Theologen, dem Bischof Joachim Reinelt beim Eintritt in den Ruhestand eine „wahre Liebe zur Kirche“ testierte, manche Möglichkeiten zur Entfaltung – und auch zu ersten „Westreisen“ – eröffnete.  Anlaß dafür war unter anderem, die Verlegung des Bistumssitzes von Bautzen nach Dresden mit vorzubereiten. Schon ab 1970 nahm Seifert informell, ab 1975 offiziell dazu ernannt, die Aufgaben des Kustos für das Domkapitel St. Petri wahr.


Im facharchivischen Bereich konnte Seifert noch geraume Zeit von der guten Ordnung und Verzeichnung seines Vor-Vorgängers, Dr. Otto Rudert, zehren, so dass keine unmittelbaren „Sicherungsmaßnahmen“ notwendig waren. Die laufend aus der Verwaltung übernommenen Akten wurden von ihm oder den von ihm angeleiteten Mitarbeitern dem Archiv zugeführt. Wenige Jahre vor seinem Ruhestand sorgte er für einen ersten Umbau mit der Einrichtung eines modernen Archivraums im Gebäude des Bautzener Domstifts, welches das Diözesanarchiv beherbergt.

Seine eigentliche Spezialität war aber das, was heute unter dem Begriff der „archivischen Öffentlichkeitsarbeit“ gefaßt wird: Besonders in den 1960er und 1970er Jahren finden sich immer wieder Beiträge von ihm in der katholischen Kirchenzeitung „Tag des Herrn“ zu bedenkenswerten Jubiläen oder Persönlichkeiten. Ab den 1990er Jahren sprach er regelmäßig das „Wort zum Tag“ im Mitteldeutschen Rundfunk (mdr), meist zu historischen Gestalten der mitteldeutschen Kirchengeschichte. Die Mitarbeit an wissenschaftlichen Konferenzen und deren Publikationen waren selbstverständlich. Eine systematische Publikationsliste ist nicht überliefert, doch wird in Forschungen zur regionalen Kirchengeschichte der Oberlausitz immer sein Name im Literaturverzeichnis zu finden (oder seitens des Autors schlecht recherchiert worden) sein.

Den meisten ist er aber deshalb in Erinnerung, weil er sich bis weit über seinen Ruhestand hinaus nicht zu schade war, in die entferntesten Gemeinden des Bistums zu fahren und dort Vorträge zur Kirchengeschichte – natürlich mit den entsprechenden regionalen Bezügen – zu halten. Hier machte sich die grundständige homiletische Ausbildung des Vikars bemerkbar, der es in Beachtung klassischer rhetorischer Prinzipien schaffte, die Dinge so zu vermitteln, daß die Zuhörer meinten, sie seien selbst dabei gewesen. Selbst in Bautzen von ihm gehaltene Vorträge sorgten – entgegen dem Diktum vom Propheten im eigenen Land – regelmäßig für volle (oder überfüllte) Vortragsräume. Die Stichpunkte für ein abendfüllendes Referat paßten meist auf ein Zettelchen vom Notizblock. Die flüssige, nahezu frei gehaltene und wohlformulierte Rede erfolgte im weichen Dresdener Sächsisch, so daß es leicht war, dem eine Stunde oder länger zu folgen. Sein fast legendäres Gedächtnis, auch dies dankenswerter Weise bis ins hohe Alter hinein, ließ alle jene – wie auch die Verfasserin – erblassen, die mit weniger Talent für Namens- und Zahlenwiedergaben gesegnet sind.

Eine wichtige Etappe seiner Tätigkeit war, als mit der Verlegung des Bistumssitzes nach Dresden im Jahr 1980 im Bautzener Domstift repräsentative Räume frei wurden. Dort ließ er bis zum Jahr 1985 in zunächst drei Räumen (im Jahr 2000 ergänzt um zwei weitere) die Domschatzkammer St. Petri zur Präsentation der im Umfeld des Bautzener Domes, aber teils auch der Dresdener Hofkirche gesammelten Sakralgegenstände und Gewänder einrichten. Die Stadt Bautzen hat ihm im Jahr ihres Tausendjährigen Jubiläums 2002 insbesondere für seine Verdienste im Zusammenhang mit der Einrichtung der Domschatzkammer die Ehrenbürgerwürde verliehen.

Zudem war er in vielen Gremien tätig und mit bischöflichen Sonderaufgaben betraut. Eine nicht ganz vollständige Liste von 1993 benennt die Mitgliedschaft in 16 Arbeitsgemeinschaften, Kuratorien, Beiräten und Vereinen, in denen er das Bistum vertrat. Von 1993 bis 1997 vertrat er die Fachgruppe 3 (Kirchliche Archive)  im Landesvorstand Sachsen des Vereins Deutscher Archivarinnen und Archivare. Von der 1994 neuerrichteten Kirchenprovinz Berlin war er der erste Provinzvorsitzende der Diözesanarchive. Am Institut für Katholische Theologie an der Technischen Universität Dresden übernahm er gelegentlich Lehraufträge zur Kirchengeschichte. Privat hielt er viele Kontakte zu ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie zu Kollegen in ganz Deutschland, die seine Freundlichkeit und seinen gelegentlich verschmitzten sächsischen Charme schätzten.

Die letzten Monate seines Lebens waren von Schwäche und Krankheit geprägt. Von einer großen Operation im April des Jahres sollte er sich nicht mehr wirklich erholen, auch wenn es ihm noch einmal für wenige Wochen vergönnt war, in seine eigene Wohnung zurückzukehren. Am 28. Juli 2013 rief ihn der Herr über Leben und Tod in die Ewige Heimat, wo er hoffentlich vielen, über die er so viel und so anschaulich zu berichten wußte, begegnen wird. R.I.P.